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Fallender Schnee

Eine Kurzgeschichte über Verlust und Freude.

Fallender Schnee

von Kim Schaller

Die unteren Äste der nahen Fichte waren durch die Last des heftigen Schneefalls tief herab gesunken. Der ganze Baum schien sich unter dem Gewicht zu beugen wie eine alte Frau, die keuchend auf ihrem Rücken Brennholz aus dem Wald heran schleppte. Vor wenigen Stunden war am Horizont die Sonne erschienen und auf dem Weg zu ihrem Zenit ließ sie die oberste Schicht der dicken Schneedecke schmelzen, die darauf hin sofort wieder gefroren war. Wie ein schlafendes Kind, dessen Mutter eine funkelnde Decke über ihrem Nachwuchs ausbreitet hatte, lag der zarte Schnee verborgen unter einer rauen Schicht, die ihn noch wenige Wochen schützen würde. Bei blauem Himmel und in einer Ruhe, wie sie nur russische Dichter treffend beschreiben könnten, lag die Anhöhe bei vollkommener Windstille im Schlaf. Selbst Vögel waren nicht zu hören, nur die Schatten der weit auseinander stehenden Bäume gingen langsam und stumm ihrer Wege.

Aus dem Meer von erstarrten Ozeanwellen ragten die Schultern und der Kopf einer Gestalt wie die eines ertrinkenden Seemannes empor. Den Rücken unter der weißen Decke an einen Felsen gelehnt blickte sie regungslos und bedächtig auf die Szene vor sich. In den Augen spiegelte sich das gefrorene Meer bis weit in den Horizont. Der Blick folgte den sanft geschwungenen Linien der Erhebungen in der makellosen Oberfläche, glitt über Senken und Täler, vorbei an vereinzelten Felsen und Bäumen bis hin zum Horizont. Auch des Glitzern und Funkeln der Milliarden von Kristallen, all das sahen die Augen des stummen Soldaten.

Der weiße Gleichmacher bedeckte wie der jungfräulicher Schleier eine Braut die Erlebnisse und Geschichten einer Generation unter sich. Unter der Ruhe lagen die starren Leiber seiner Kameraden, die geöffneten Augen fahl und die Münder zu lautlosen Schreien geöffnet. Schreie, die sie nicht mehr in der Lage waren selbst auszustoßen, die statt dessen von ihren Müttern und Vätern voller Verzweiflung geschrien werden würden. Eltern, die vor Denkmälern stehend ihrer Kinder gedenken würden, die Hände vor der Brust gefaltet oder mit vom Schmerz verzerrten Gesichtern flehend zum Himmel empor gereckt.

Seine tauben Gliedmaßen gehorchten ihm schon seit Stunden nicht mehr, denn dem Schmerz war Taubheit gefolgt, und der Taubheit Stille. Er konnte den Kopf nur ein winziges Stück zur Seite wenden, als er ein Schimmern zwischen den Birken und Fichten wahrnahm, das sich langsam näherte. Der Glanz von tausend Sternen vertrieb die Schatten der Bäume und selbst die Natur beugte sich dem Licht, den kein Hindernis störte dessen Gang. Unmittelbar vor ihm blieb die Erscheinung stehen. Es war eine Frau, deren Gestalt nur undeutlich zu erkennen war. Funkelndes Licht umgab ihre Kontur, doch ihre Gesichtszüge waren durch den Vorhang aus Licht schwach zu erkennen. Dem Soldaten wurde mit einem Mal warm um das erkaltende Herz.

Sie beugte sich zu ihm herab, hob ihn mühelos aus dem Schnee, bettete seinen Oberkörper auf ihren Beinen und sah voller Güte und Zuversicht mit einem Lächeln zu ihm herab. Mit warmen Fingern wischte sie ihm den Schnee aus dem Gesicht und den Haaren wie es einst seine Mutter getan hatte. Während er stumm zu ihr hinauf blickte hörte er ihre Stimme wie einen warmer Sommerwind. Beruhigend sprach sie zu ihm. Sie stellte ihm die Frage. Er konnte nur schwach nicken. Als sie weiter sprach bemerkte der Soldat, das die Gestalt, in deren Schoß er lag, immer großer wurde während sie sprach, doch er hatte keine Angst. Seine Welt wurde immer heller, die Luft um ihn immer wärmer, er wurde immer kleiner und er ließ es geschehen. Bald sah er ihre Finger, die seinen Körper wie ein leuchtendes Gebirge schützend umgaben und er schrumpfte immer weiter. Ihre Stimme umgab ihn weiterhin, bis ihn warme Dunkelheit umgab.

Die Zeit stand still.

Weit entfernt lagen eng umschlungen zwei verschwitzte Leiber wie ineinander verwachsene Baumstämme unter einer Bettdecke, während draußen vor dem Fenster die mondlose Nacht die Häuser mit Dunkelheit umgab und der Wind die Zweige der Bäume wiegen ließ. Seine Arme umschlossen ihren Körper, während sie das Heben und Senken seiner Brust in ihrem Rücken spürte. Mit jedem Atemzug blies er ihr sanft und kaum spürbar in den Nacken während sie, selbst halb schlafend, seinem Atem lauschte. Es dauerte nicht allzu lange, bis sich seine Atmung so weit beruhigt hatte, dass er in leises Schnarchen überging. Vorsichtig löste sie sich etwas aus seiner Umarmung, griff unter der Bettdecke hervor und löschte das Licht, bevor sie sich wieder unter die Decke zurück zog. In der Dunkelheit konnte sie nur noch ihr Herz, seinen Atem und den Wind vor dem Fenster hören. Sie schloss ihre Augen und in ihrem letzten wachen Moment umfing sie plötzlich die Gewissheit, dass das Beste ihrer beider Leben sich vor wenigen Augenblicken zu einer neuen Existenz geformt hatte. Sanft lächelnd schlief sie ein.

Die Zeit stand still.

Die unteren Äste der nahen Fichte waren durch die Last des heftigen Schneefalls tief herab gesunken. Als ein Vogel auf dem Ast landete benötigte es nur dieser kleinen Erschütterung, sodass der Schnee vom Ast herunter fiel und einen Schleier aus glitzernden und funkelnden Kristallen hinter sich herzog, die noch lange im Sonnenlicht schimmern würden.